Naturverbundener Overledinger Sonderling in guter Erinnerung

Von Frank Groeneveld. Als ehrlich und selbstlos, als Bettler und König zugleich, so und ähnlich wurde Wilhelm Brechtezende aus Großwolderfeld bezeichnet. Viele Overledinger erinnern sich noch heute an “Oll Willm”, der durch seine eigenwillige Lebensweise und seine jahrzehntelangen Botengänge nach Leer bekannt wurde.

“Oll Willm” war ein ostfriesisches Original. Die freie Natur war seine Wohnung, sein Bett ein Haufen Heu und Stroh. Am 9.Juli d.J. jährte sich der Todestag von Wilhelm Brechtezende zum 50.Mal. Bereits zu seinen Lebzeiten, im Jahre 1935, widmete das Leerer Anzeigeblatt ihm unter der Überschrift “Ein ostfriesischer Sonderling” einen ganzseitigen zeitgenössischen Bericht, den der Verein Overledinger Geschichte e.V. hier auszugsweise wiedergibt.

 Bildtext: Mit seinen bis zur Schulter reichenden Haaren und dem fast das ganze Gesicht einhüllenden Bart, mit wehendem Mantel auf seinem alten, mit vielen Taschen bepackten Fahrrad - so lebt “Oll Willm” noch heute in der Erinnerung vieler Overledinger.

“Wer hat ihn noch nicht in unserer Stadt gesehen, den ‘Alten mit dem langen Bart’, mit seinen bunten ‘Ehrenzeichen’ an der Weste und Holzschuhen an den Füßen. Und ob man dem Sonderling schon hundertmal begegnet ist, immer wieder sieht man ihn ein wenig verstohlen an, er ist halt ein sonderbarer Kauz, eine ‘Attraktion’, ein Mensch, der in dieser Art - und Aufmachung! - wohl einzig ist.

Etwa in der Mitte der Landstraße Leer-Papenburg, bei dem Dorf Großwolde, biegen wir rechts ab, wandern einen holprigen Feldweg hinab, lassen unsern Blick in die Ferne schweifen, und bleiben verwundert stehen. Wir reiben uns die Augen, fassen uns an den Kopf (ob wir noch da sind) und lassen Karl May vor unsern geistigen Augen erstehen. Mitten hinein in ein kultiviertes Gebiet ist ein Stück Romantik gezaubert worden, gleichsam, als befänden wir uns in Wildwest.

Hier haust Wilhelm Brechtezende, genannt Willm, oder auch Robinson, wie die Kinder ihn nennen, kein Einsiedler schlechthin, aber doch ein Sonderling, ein Mensch, der auf dem ersten Blick älter erscheint, als er in Wirklichkeit ist, dem aber doch trotz der ‘Umwelt’ Lebensbejahrung aus seinen großen blauen Augen leuchtet, und das braungebrannte Gesicht ist ein Spiegelbild beneidenswerter Gesundheit.

Im bunten Wechsel des Lebens ist Wilhelm Brechtezende nicht von Enttäuschungen verschon geblieben, um seinen Namen weht ein Glanz von Dichtung und Wahrheit, aber es ist naheliegend, daß Willm die Menschen einmal eher als alles andere geliebt hat - er floh in die Stille und Ruhe seiner väterlichen Ländereien, und inmitten des dreineinhalb Hektar großen Grundbesitzes baute er sich ganz allein eine Einsiedelei, eine Hütte, die sowohl in der äußeren Aufmachung als auch in ihrer Ausführung und ‘Innenarchitektur’ die Anspruchslosigkeit ihres Bewohners schonungslos aufdeckt. Aber ‘Robinson’ fühlt sich wohl in seiner Behausung, man glaubt es ihm, wenn man in seine klaren blauen Augen sieht.

Fast tagtäglich radelt Wilhelm Brechtezende in die Kreisstadt, Besorgungen machend, dieses und jenes für seine ‘Kunden’ erledigend. Er sucht Geschäfte und Behörden auf, Willm hat sich im Laufe der Jahre als zuverlässiger und gewissenhafter ‘Botschafter’ erwiesen. In den seltesten Fällen greift er zu Bleistift und Papier, er hat ein Gedächtnis, auf das er sich verlassen kann. Seine ‘Kundschaft’ weiß es, und deshalb genießt er Vertrauen.

Willms’ Stolz und besten Freunde sind neben seinen Büchern, meist religiösen Inhalts, ein Dutzend Ziegen, und jedes Tier hat seinen Namen. Da ist der ‘Alte Fritz’, ein Prachttier und Senior der Familie Zicke, da ist weiter die ‘dicke Berta’ und ihr Freund, der störrische ‘Thomas’, wir begrüßen das Pärchen ‘Ilse’ und ‘Elso’, den drolligen ‘Friedel’ und die übermütige ‘Lotte’ und wie sie alle heißen. Mit rührender Zärtlichkeit ruft Willm seine vierbeinigen Lebensgefährten beim Namen, er hegt sie und pflegt sie wie eine sorgende Mutter ihre Kinder. Aber er schlachtet keine seiner vierbeinigen Freunde, ‘Robinson’ ist ganz im Gegenteil zu seinem berühmten ‘Vorgänger’ Robinson Crusoe Vegetarier, in dieser Naturverbundenheit uns fast selbstverständlich erscheinend.

Seit 1922 lebt Wilhelm Brechtezende in dieser Abgeschiedenheit, lebt er das primitivste Leben, das man sich denken kann. Aber er lebt ein Leben, das ihm trotz aller Einfachheit Inhalt gibt und das er nicht eintauschen möchte gegen alle Bequemlichkeiten und Genüsse der Großstadtmenschen.”

Bildtext: Seit 1922 lebte Wilhelm Brechtezende auf den väterlichen Ländereien in Großwolderfeld. Inmitten des dreieinhalb Hektar großen Grundbesitzes baute er sich ganz allein eine Einsiedelei, eine Hütte, die sowohl in der äußeren Aufmachung als auch in ihrer Ausführung und ‘Innenarchitektur’ die Anspruchslosigkeit ihres Bewohners aufzeigt.

Seit 2011 steht eine lebensgroße Bronzeskulptur zu Ehren des am 09.07.1966 gestorbenen „Oll Willm“ vor dem Westoverledinger Rathaus in Ihrhove.

 

(Fotos zur Verfügung gestellt von Paul Koch und Willi Lalk)

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